Plattenbauland: Das größte tschechoslowakische Experiment
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Plattenbauland: Das größte tschechoslowakische Experiment

23. 11. 2017 10:00 - 25. 3. 2018 18:00
Mährische Galerie in Brünn - Kunstgewerbemuseum

Das Ausstellungsprojekt nimmt Einblick in das Thema des Baus von Plattenbausiedlungen in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als unwiederholbares urbanistisches, architektonisches bzw. designerisches Experiment.

Die Industrialisierung des Wohnungsbaus war nach dem Zweiten Weltkrieg das Hauptthema der tschechoslowakischen Bauarbeiter und Architekten. Sie sollte dabei behilflich sein, den durch den Krieg verursachten dringlichen Wohnungsmangel binnen kurzer Zeit zu beheben und die Umgestaltung der Industrie voranzutreiben, die nicht ohne eine Umsiedlung der Einwohner in die protegierten Industriezentren auskam. Die fünfziger und sechziger Jahre können als ein Zeitraum verstanden werden, in welchem mit dem Plattenbauverfahren und mit den erforderlichen technologischen Vorarbeiten dieser Bauweise experimentiert wurde, die sich mehr oder weniger auf die Vorstellungen und Erfahrungen der linksorientierten Architekten aus der tschechoslowakischen Zwischenkriegszeit stützte. Durch Fügung der Umstände kam es mit dem Aufkommen der Normalisierung nach dem sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei im Jahr 1968 zu einer massiven Verwendung der Plattenbauweise, und binnen kurzer Zeit zog ein Drittel der Einwohner der Tschechoslowakei in eine Umgebung, die über frühere Wohnformen völlig hinausging. Mit der Aufgabe, einen Schlüssel dafür zu finden, die Umgebung von Plattenbausiedlungen zu begreifen und sie zu bewohnen, waren sowohl die Bewohner selbst, als auch wissenschaftliche Teams beschäftigt, die sich dieses Problems aus Sicht der Architektur, des Urbanismus, der Soziologie oder Psychologie annahmen. Die neue Situation und mangelnde andere Möglichkeiten provozierten die Bewohner der Siedlungen dazu, spontan aktiv zu werden, um den Zustand der Freiflächen in den Plattenbausiedlungen zu verbessern, oder nach Möglichkeiten zu suchen, technische Mängel der Plattenbauten auszumerzen und ihre Ausstattungen in Selbsthilfe aufzubessern.

Ein sehr lebendiges Thema war dies auch bei einer Reihe von Architekten oder Möbeldesignern, die nach Wegen suchten, aus einer Plattenbausiedlung und einer Plattenbauwohnung eine qualitativ hochstehende und motivierende Umgebung zu machen. Eine nicht minder interessante Entwicklungsetappe der Plattenbausiedlungen ist mit ihrem sozialen oder ästhetischen Wandel nach 1990 verbunden, der die jüngste Geschichte der Tschechoslowakei und der anschließenden Tschechischen Republik widerspiegelt. Die veränderte politische und gesellschaftliche Situation motivierte die Eigentümer der nach und nach privatisierten Wohnungen dazu, gegen alle Krankheiten anzugehen, welche die Plattenbauweise hatte.

Zu den von den Bewohnern der Siedlungen spontan geklärten Hauptthemen gehörten der Austausch des Wohnungskerns, eine Änderung der Raumverteilung der Wohnungen, Wärmedämmung, Haus-Aufbauten und farbliche Gestaltung der Fassaden und die Nutzung der Erdgeschosse der Häuser für Geschäfte und Dienstleistungen. Die spontanen Eingriffe der Siedlungsbewohner vermischten sich im Laufe der neunziger Jahre mit den fachlich fundierten Ansichten der Architekten und Soziologen, die eine Aussöhnung damit und eine neue Sichtweise dessen suchten, was als ungewolltes Relikt des kommunistischen Regimes angesehen wurde. 

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Eintritt

Grundpreis
150,- Kč
Familie
250,- Kč
Ermäßigter
75,- Kč