1918

Republik

1918
Das historische Gebäude des Prager Hauptbahnhofs – Café Fanta.

Man schrieb das Jahr 1918. Die Sehnsucht vieler Tschechen und Slowaken nach dem Leben in einem gemeinsamen, souveränen Staat wurde zur Wirklichkeit. Die Tschechoslowakei, eine neue Republik auf der Karte Europas, machte sich hoffnungsvoll auf den Weg durch die Geschichte und erwarb bald internationalen Respekt und Anerkennung. Man schreibt das Jahr 2018. Seit den damaligen Ereignissen ist gerade ein Jahrhundert vergangen. Die Karte Europas hat sich inzwischen vielmals verändert. Es änderten sich auch die Grenzen unserer Länder. Das Jahr 1918 stellt jedoch die Wende unserer modernen Geschichte dar. Einhundert Jahre ist ein schönes, rundes Jubiläums, feiern wir es! Erinnern wir uns an interessante Geschichten und sehen wir uns die Orte an, die mit unserer gemeinsamen Geschichte verbunden sind.

1918

Geschichten der Legionen

1918
Prag, Nationaldenkmal auf dem Berg Vítkov

Eine Voraussetzung für die Entstehung des Staates war neben Idee, Sehnsucht und Diplomatie auch Waffengewalt. Diese wurde von den tschechoslowakischen Legionen verkörpert Militärkörpern, die im Laufe des Ersten Weltkriegs im Ausland, vor allem in Russland, aber auch in Frankreich oder Italien entstanden. Nach dem Krieg stellten die Legionen eine Kraft dar, die in zahlreichen territorialen Streitigkeiten nicht nur militärisch eingriff, sondern aus der sich auch die Gendarmerie, die Burgwache und der tschechoslowakische Geheimdienst rekrutierten. Und die heutigen Denkmäler der Legionäre? Zum Beispiel das rondokubistische Gebäude der ehemaligen Legiobank des Architekten Josef Gočár in Prag in der Straße Na Poříčí, aber auch ein fahrendes Museum der restaurierte legendäre Legionärzug, in dem unsere Soldaten die Transsibirische Eisenbahn beherrschten. Zu Ehren der Legionäre und zum Ruhm des tschechischen Volkes wurde ein monumentales Denkmal auf dem Berg Vítkov gebaut.

1920

Zerbrechliches Handwerk

1920
Böhmisches Glas

Böhmisches Glas ist seit Jahrhunderten gefragte Ware, aber erst mit dem Aufkommen des geschliffenen und gravierten böhmischen Kristallglases wurden die Glashütten weltberühmt. Unter den Juwelen der Glasmacherkünstler finden wir zauberhafte Jugendstilornamente, zarten Weihnachtsschmuck, märchenhafte Bijouterie, Lüster und kleine Figuren. In der Zwischenkriegszeit setzt sich das Glas auf bedeutende Art und Weise in der zeitgenössischen sowie historischen Architektur durch – von funktionalistischen Bauten bis zu Bleiverglasungen der Prager Kathedrale. Im Jahr 1920 entstand die erste tschechische Glasmacher- Fachschule in Železný Brod. Kamenický Šenov, Nový Bor, Jablonec nad Nisou und weitere Glasmacherzentren können sich Museen rühmen, von denen Ihnen die Augen übergehen werden.

1920

Dach der Slowakei

1920
Die Hohe Tatra

Die Hohe Tatra nimmt zwar kein besonders großes Gebiet ein, trotzdem war sie immer Wahrzeichen der Slowakei. Für alle drückte es der Dichter Janko Matúška aus, der nach der Melodie eines Volkslieds den Text des Lieds „Über der Tatra blitzt es“ schrieb, dessen erste Strophe später Bestandteil der tschechoslowakischen Hymne wurde. Und als die Eisenbahn zwischen Košice und Bohumín fertiggestellt worden war, war es plötzlich in die Slowakei auch von Mähren, Schlesien sowie Böhmen nah. Die Hohe Tatra wurde von Touristen, Sportlern, Kurgästen entdeckt und ihre Begeisterung dauert nach wie vor an. Das höchste slowakische Gebirge erfüllt ja tatsächlich alle Kriterien eines Hochgebirges – wir finden hier schroffe und zerklüftete Felsenmassive, lange Bergkämme, Bergseen, hohe Wasserfälle. Kein Wunder, dass die Hohe Tatra als Nationalpark geschützt wird.

1921

Auf den Spuren von T. G. M.

1921
Schloss Lány

Den Spuren Tomáš Garrigue Masaryks zu folgen, wäre eine würdige Aufgabe für die größten Weltenbummler des letzten Jahrhunderts. Von seinem Geburtsort und seiner Jugend in Südmähren, über Wien, Genf, Paris, London, die Vereinigten Staaten, von einer sibirischen Mission und Japan ganz zu schweigen. Nehmen wir also eine Abkürzung. Von der Dauerausstellung über Masaryk in seinem Geburtsort Hodonín, über die Prager Burg, in der er nicht nur amtierte, sondern die er dank des slowenischen Architekten Plečnik auch modernisieren ließ, bis zur Gemeinde Lány in der Nähe der Stadt Kladno. Hier erholte sich der auch Befreier genannte Präsident in seinem Sommersitz, Schloss Lány. Hier finden wir eine weitere Museumsausstellung über ihn und schließlich auch sein Grab auf dem hiesigen Friedhof.

1925

Der lange Weg von Škoda

1925
SKODA

Der Ruhm der tschechischer Personenkraftwagen Marke Škoda begann sich 1925 zu entwickeln, als der Pilsner Konzern die Automobilfabrik Laurin & Klement in Mladá Boleslav kaufte. In der Gegenwart ist Škoda eine der sichtbarsten und bestverkauften tschechischen Marken auf dem Weltmarkt und einer der größten Arbeitgeber im Land. Mit der Geschichte der Marke mit dem gefiederten Pfeil im Wappen machen Sie sich im ŠKODA-Museum in Mladá Boleslav bekannt. Es handelt sich um eine modern konzipierte Ausstellung auf einer Ausstellungsfläche von 1 800 m². Bewundern Sie zum Beispiel die erste „Voiturette“, Wettkampfspeziale oder die Vision der Autozukunft.

1926

Hopfenstadt

1926
Das ausgedehnte Gelände der Dreher-Brauere

So wie Prag hunderttürmig ist, ist Žatec voll von Schornsteinen. Es gibt zwar nicht mehr hundert davon, aber sie sind im Stadtpanorama trotzdem nicht zu übersehen. Die meisten dienten in der Technologie der Vorbereitung des Hopfens – der hiesigen heiligen Ingredienz, ohne die das tschechische Brauwesen nur schwerlich ein Juwel in der nationalen Schatztruhe wäre. Mit der ein bisschen lästerlichen Heiligsprechung der Schlingpflanze aus der Gattung Hanf korrespondiert auch der Name des hiesigen Unterhaltungszentrums – des Hopfen- und Biertempels, an den das Hopfenmuseum anknüpft. Der Saazer Hopfen verdient tatsächlich sein Museum und den „Tempel“. Er ist nämlich ohne Übertreibung der weltweit beste.

1928

Astronom wird General

1928
Das Milan-Rastislav-Štefánik-Monument

Der slowakische Held der Entstehung des neuen Staates war unbestritten Milan Rastislav Štefánik. Masaryks „Zwilling“ auf dem Weg durch das Exil, in der Organisation der Legionen sowie in den Bestrebungen, die Tschechoslowakei zu gründen. Mitbegründer des Tschechoslowakischen Nationalrats, Soldat in jeder Hinsicht, General der Tschechoslowakischen Armee und Minister für Militärwesen sowie studierter und anerkannter Astronom. Seine weitere Karriere im öffentlichen Leben der Ersten Republik wurde durch ein Flugunglück abgebrochen, bei dem er im Mai 1919 in Bratislava umkam, paradoxerweise bei der Rückkehr vom Exil in seine Heimat. An seine Persönlichkeit erinnert das riesige Monument auf dem Hügel Bradlo, nicht weit von der Gemeinde Brezová pod Bradlom, und ein Denkmal in Bratislava, wiedererbaut nach vielen Peripetien 2009.

1929

Stadt voll von Pferden

1929
Die Große Pardubitzer

Eines der schwierigsten sowie ältesten Pferderennen auf dem Kontinent wird alljährlich im Herbst in Pardubice veranstaltet. Der erste Jahrgang fand 1874 statt. Im Jahr des hundertjährigen Jubiläums der Republik wird die Große Pardubitzer Steeplechase zum einhundertachtundzwanzigsten Mal organisiert. Die Pferde müssen auf der Strecke 31 Hindernisse überwinden, darunter auch den legendären Taxis-Graben, und 6 900 Meter zurücklegen. Im Jahr 1929 machten sich auf die Strecke der Pferderennbahn Fahrer auf, die gleich etliche Pferde gleichzeitig unter dem Sattel hatten. Motorradfahrer. Im Laufe der Zeit sattelten sie von der Pferderennbahn auf eine reguläre Speedwaybahn um und gründeten das älteste Speedwayrennen weltweit unter dem Namen „Goldener Helm“.

1930

Funktionalistische Metropole

1930
Villa Tugendhat

Das österreichische Manchester – so wurde Brünn zur Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhunderts genannt. Die Textilindustrie brachte Geld in die Stadt und das Geld zog weltberühmte Architekten an. Der berühmteste von ihnen – Mies van der Rohe – baut eine der schönsten Villen weltweit für die Familie Tugendhat. Ein Kunstwerk des Funktionalismus, das in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes eingetragen ist. Dem deutschen Architekten konkurriert tüchtig ein mit Brünn verbundener Tscheche – Bohuslav Fuchs, der jedoch bei weitem nicht allein bleibt. Die Liste der Denkmäler der Brünner modernen Architektur ist wirklich lang, umfasst fast vierhundert Objekte, angefangen von Privathäusern über Cafés, Kirchen bis zu den monumentalen Pavillons des Brünner Messegeländes.

1931

Phänomen Baťa

1931
Baťa

Baťa. Ein Synonym der erfolgreichen unternehmerischen Tätigkeit in Verbindung mit Sozialgefühl und Empathie. Der Schuhmachergigant, der Welterfolg erreichte, Häuser, Schulen und Krankenhäuser für seine Mitarbeiter baute. Zlín selbst stellt heutzutage ein großes Museum Baťas Einflusses und Weitblicks, seiner architektonischen visionären Gedanken und seines unternehmerischen Mutes dar. Das bemerkenswerte Museum von Zlín, das „14. Gebäude des Baťa-Geländes“ bietet eine erstaunliche Reise durch die Geschichte der Marke sowie der Familie Baťa. Begeisterte Besucher können auch den berühmten Wolkenkratzer besichtigen, der seinerzeit mit technischen Errungenschaften Bewunderung hervorrief. Ihrem Zweck dienen bis heute auch die Arbeiterhäusersiedlung und das mutige Projekt des Baťa-Kanals. In der Slowakei erinnern z. B. die Städte Partizánske (früher Baťovany) oder Svit an das Wirken der Firma Baťa

1938

Befestigtes Grenzgebiet

1938
Die Infanteriebastion K-S 14 „U Cihelny“ (Zum Ziegelwerk) bei der Gemeinde Králíky stammt aus den Jahren 1936–1938.

Mit Erregung, Kampfbereitschaft und bestimmt auch mit Angst traten die Männer ihren Dienst während der Mobilisierung am 23. September 1938 an. Sie besetzten im Laufe weniger Stunden die neu erbauten Befestigungsanlagen im Grenzgebiet. Sieben Tage später kehrten sie mit Tränen in den Augen zurück. Durch das Münchner Abkommen wurde das Grenzgebiet ohne Kampf an Deutschland abgetreten. Freunde der Militärgeschichte können noch heute Tausende von kleineren sowie größeren Bunkern, sog. Řopíks (leichte Befestigungen), Infanteriebastionen, modernen Festen und Festungen besonders in Ostböhmen und Nordmähren entdecken.

1958

Theater und Freiheit der Meinungsäußerung

1958
Laterna Magika

Die 1960er Jahre. Die allmähliche Lockerung der Repressionen gegen jede andere als die von der kommunistischen Partei gepredigte Meinung begann zuerst auf den Szenen der Prager Theater ersichtlich zu sein. Das erste Signal war der Erfolg der multimedialen Laterna Magika, die die Welt auf der Weltausstellung Expo 58 in Brüssel verblüffte. Ohne große Revolutionsgesten, aber mit künstlerischer Freiheit und erstaunlichem Erfindungsgeist überraschte das neu entstandene Theater „Činoherní klub“. Im Theater „Na zábradlí“ war der Kulissenschieber mit absurder Zukunft mit dem Namen Václav Havel mit dem absurden Theater erfolgreich. Journalisten und Schriftsteller begannen ohne Zensur zu schreiben. Es dauerte nicht lange an.

1968

Prager Frühling

1968
Die Reiterstatue des Schutzpatrons des böhmischen Landes bewacht den Wenzelsplatz.

Nach zwanzig Jahren eines kalten erbarmungslosen Klassenkampfs, der von der kommunistischen Regierung entfacht wurde, begann es 1968 wärmer zu werden, die Kultur sowie die unternehmerische Tätigkeit blühten langsam auf, im ganzen Land konnte man freier atmen. Es zeigte sich, dass der Sinn des Zusammenlebens nicht der Kampf sein muss – wenn jemand nicht für uns ist, muss er nicht zwangsläufig gegen uns sein – und dass die Welt nicht in der westböhmischen Stadt Aš endet. Der Freiheitshauch, der sog. Prager Frühling, endete genau am 21. August desselben Jahres in den Morgenstunden. Die Truppen von fünf Armeen des Warschauer Paktes mit der Sowjetarmee an der Spitze marschierten in die Tschechoslowakei ein, besetzten in Zusammenarbeit mit hiesigen Kollaborateuren wichtige Ämter, Zeitungsredaktionen, den Rundfunk und okkupierten lange Zeit das ganze Land. Es halfen weder Proteste auf den Straßen, noch die menschlichen Fackeln.

1969

Zwei Republiken in einem Staat

1969
Bratislava, die Hauptstadt der Slowakei

Zwei Republiken in einer Föderation. Das war die indirekte Folge der stürmischen Entwicklung nach dem Prager Frühling. Am 1. Januar 1969 entstanden innerhalb der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik offiziell zwei Staaten, die Tschechische Sozialistische Republik und die Slowakische Sozialistische Republik. Es ging jedoch um einen formalen Rahmen, die Realität war wieder eine allmähliche starke Zentralisierung, die von der kommunistischen Partei gesteuert wurde. Die föderale Gestaltung erwies sich 1990 und insbesondere drei Jahre später aus der Sicht der Durchsetzung von nationalen Interessen und Emanzipation als unzureichend. Aber da begann man schon ein völlig anderes Kapitel der Geschichte zu schreiben. Am 1. Januar 1993 entstanden zwei neue souveräne Staaten: die Tschechische Republik und die Slowakische Republik.

1992

Verhandlungen über Tschechien und die Slowakei

1992
Die Villa Tugendhat

Wer das Gespräch zweier Männer verfolgt hätte, die in der Augusthitze 1992 die perfekt sitzenden Sakkos auszogen und sich in den Schatten der Bäume im Stadtviertel Černá Pole setzten, hätte den Eindruck haben müssen, dass sie sich nur vertrauliche Geschichten mitteilen. Aber beide Herren, die Ministerpräsidenten der tschechischen und der slowakischen Regierung Václav Klaus und Vladimír Mečiar, verhandeln gerade über die Trennung der Tschechoslowakei in der Villa Tugendhat. Für die einen war das ein trauriger Abschied, für die anderen Hoffnung und Erwartung. Für die ganze Welt war es eine friedliche, freundschaftliche Trennung. In Mitteleuropa entstanden zwei souveräne Staaten.

1994

Stahlherz und schwarzes Gold

1994
Kettengarderoben der Bergleute im Steinkohlebergwerk „Michal“ in Ostrava

Der Bergbau und das Hüttenwesen gehören zur tschechischen Tradition bereits seit dem Mittelalter. In der nordmährischen Metropole Ostrava begegneten sie einander in ihrer Blüte und verhalfen der Stadt zum Titel „Stahlherz der Republik“. Dieses Herz schlägt in der Gegenwart zwar in einem feineren Rhythmus, aber ein Teil der Stadt verwandelte sich in eine industrielle Galerie unter freiem Himmel sowie in unterirdischen Tiefen. Sie können hier am eigenen Leib die Gefühle eines Bergmanns vom Umziehen in den historischen Kettengarderoben, über das authentische Einfahren in die Grube mit dem Aufzug bis zur bedrückenden Schachtatmosphäre im Bergwerk Michal erleben. Und wenn Sie sich damit vertraut gemacht haben, wie sich Eisenerz in Eisen verwandelt, können Sie eine Tasse Kaffee auf der Spitze des ehemaligen Hochofens in Dolní Vítkovice genießen.

2012

Václav-Havel-Flughafen Prag

2012
Václav-Havel-Flughafen Prag

Über Václav Havel (1936–2011) ist gut bekannt, dass er, obwohl er gern fremde Länder kennenlernte, das Fliegen als notwendiges Übel betrachtete. Und so kann als Paradox erscheinen, dass gerade der Flughafen seinen Namen trägt. Aber was anderes als ein internationaler Flughafen, dieses „Tor in die Welt“, symbolisiert besser eine freie und von nichts gehinderte Bewegung von Menschen und Ideen, also Werten, die von diesem überzeugten Kämpfer für Freiheit, Menschenrechte und dem ersten Präsidenten der Tschechischen Republik bekannt wurden? Der Václav-Havel-Flughafen ist jedoch nicht nur ein Ort für Abflüge, Ankünfte und Umstiege, er bietet im Rahmen offizieller Exkursionen auch die Möglichkeit an, sich mit dem Background des Flughafens näher vertraut zu machen, der zu den modernsten in Mitteleuropa gehört.